Würzburg (POW) Ob Theologie oder Klassiker der römischen Antike: Pfarrer Johannes Kempach, von 1523 bis 1526 in Hammelburg tätig, ist ein eifriger Leser gewesen. Er war aber nicht nur ein Bücherwurm, sondern hinterließ in seiner Lektüre auch gerne handschriftliche Anmerkungen. „Er hatte die Eigenart, dass er in den Werken vermerkt hat, wann er mit der Lektüre begonnen und wann er sie beendet hat, mit Datumsangaben und teilweise Kommentierungen zum Werk, ob ihm die Lektüre gefallen hat oder nicht. Es ist fast schon tagebuchartig“, sagt Nikola Willner, Mitarbeiterin in der Abteilung Bibliotheksfachliche Aufgaben in Archiv und Bibliothek des Bistums Würzburg (ABBW). Persönliche Kommentare, Zusammenfassungen, Widmungen, Karikaturen – was den Bücherpuristen ärgert, war in früheren Zeiten ganz normal und kann für die Forschung auch ein Glücksfall sein. „Der Inhalt des Buches selbst ist vielleicht nicht mehr so interessant“, sagt Willners Kollegin Ulrike Steinhoff – im Gegensatz zu dem, was sich über die Geschichte eines Buches oder seine Leser herausfinden lässt.
Über das Werk „Antidotum contra diversas omnium fere seculorum haereses“, ein Sammelband von Kirchenschriften gegen die Häresie aus der Kirchenbibliothek der Stadt Hammelburg, lässt sich sagen, dass Pfarrer Kempach sich an ihm abgearbeitet hat. Etwa auf der Hälfte des Buchs findet sich am unteren Seitenrand der Vermerk: „Lectio incepta Neuenhofen 8. decembris Anno 1536 – cum illuc habitassem tres hebdomadas erosus pene a lectione.“ Um die winzige Schrift zu entziffern, benutzt Willner eine Lupe. „Die Lektüre habe ihn geradezu verzehrt“, übersetzt sie und ergänzt: „Es war wohl herausfordernd.“ Mit Kempachs „Lesespuren“ haben sich der Geisteswissenschaftler Norbert Eickermann (1905-1995) sowie der Studiendirektor und Heimatforscher Dr. Hartwig Gerhard (1942-2014) befasst. Sie haben rekonstruiert, was Kempach nacheinander gelesen und mit welchen Werken er sich besonders intensiv befasst hat. „Er hat wirklich sehr viel gelesen, auch viele Klassiker, zum Beispiel Cicero“, sagt Willner. Doch habe er nie seinen vollen Namen hinterlassen. Identifiziert worden sei er unter anderem anhand seiner „kleinen und akkuraten Schrift“ und weil er einmal seine Initialen hineinschrieb. „Es war Detektivarbeit“, erklärt Willner.
Bis auf seine Lektürevorlieben ist über Kempach wenig bekannt. Er habe 1524 die Reformation in Hammelburg eingeführt, weiß Willner. Außerdem wurde seine Privatbibliothek für die Kirchenbibliothek von Hammelburg angekauft. Noch heute lassen sich rund 50 Bücher aus der Kirchenbibliothek in der Klosterbibliothek Altstadt Hammelburg nachweisen, ist auf der Homepage von ABBW zu lesen. Darunter auch die Schriftensammlung, die Kempach so intensiv gelesen hat. Von dieser gebe es auch Exemplare in Fulda, erzählt Willner: „Darin hat jemand vermerkt, dass gerade jemand aus dem Fenster gefallen ist. Das ist wohl während der Lektüre passiert.“ Früher sei es „durchaus üblich und normal“ gewesen, in Bücher hineinzuschreiben und sich so mit einem Werk auseinanderzusetzen – oder mit besonderen Ereignissen, die sich während der Lektüre zutrugen.
Ein Buch mit dem eigenen Namen oder einem Exlibris zu versehen, ist auch heute noch üblich. Die erste Seite einer Predigtsammlung zu den Sonntagsevangelien ist zu zwei Dritteln mit einem aufwendigen Exlibris von Johannes Mauritius Schwein bedeckt, der ab 1575 Pfarrer in Haßfurt war. „Taciturnitas“ – „Verschwiegenheit“ steht als Wahlspruch unter seinem Familienwappen mit dem Eberkopf. Darüber hat wiederum Pfarrer Hieronymus Degen, von 1601 bis zu seinem Tod im Jahr 1627 Stadtpfarrer von Haßfurt, sein Motto hinterlassen: „Multa tecum, pauca cum aliis loquere“ – „Sprich viel mit dir und wenig mit anderen“. Auf der gegenüberliegenden Seite stehen weitere Namen, die teilweise durchgestrichen oder weggekratzt wurden. „Diese Einträge erzählen, durch welche Hände das Buch gegangen ist. Es waren noch mindestens zwei spätere Besitzer“, sagt Willner und erklärt: „Manchmal hat man die Namen der Vorbesitzer ausgekratzt oder ausgeschnitten, um nicht des Diebstahls verdächtigt zu werden. Manchmal steht dabei, dass das Buch geschenkt oder gekauft wurde. Manchmal sogar der Kaufpreis und der Preis für die Bindung.“ Denn Bücher seien damals nicht mit Einband verkauft worden. „Man hat Druckbögen gekauft und es selbst einbinden lassen.“
Nur noch schwer lesbar ist ein dicker Band mit dem Titel „Parvulus antiquorum“, gedruckt um 1495. Es handele sich um eine Einführung in die Logik, erklärt Willner. Der unbekannte Leser schrieb jede freie Fläche voll, quetschte Kommentare sogar zwischen die Zeilen und unterstrich immer wieder Wörter in Rot. „Ich habe kaum ein Buch gesehen, das so intensiv kommentiert war“, sagt Willner. Solche Kommentare können für Forscher ein Glücksfall sein – das Altirische beispielsweise sei nur deshalb rekonstruiert worden, weil Sprachwissenschaftler in einer Handschrift aus dem späten achten Jahrhundert die Anmerkungen unterschiedlicher Schreiber analysierten.
Manche Bücher bekommen dank einer Widmung eine besondere Bedeutung. Im „Geistlichen Vergißmeinnicht“ etwa gibt es dafür eine vorgedruckte Seite – oben wird der Name des Empfängers oder der Empfängerin eingetragen, darunter steht „Zur Erinnerung an“. Eine Katharina Maria erhielt das Büchlein zu ihrer Firmung. Am Seitenrand ist mit schwarzem Stift vermerkt, dass „Herr Bischof Franz Joseph v. Stein“ die Firmung am 25. Mai 1896 spendete. „Der Eintrag der Firmpatin zeigt die persönliche Bedeutung des Buchs.“ Solche Bücher hätten die Menschen „ein ganzes Leben lang“ begleitet.
Auch künstlerisch haben sich manche Leser in Büchern verewigt. In einer Ausgabe von Homers „Ilias“ schwankt ein sehr behaarter, buckliger Mensch mit vor sich ausgestreckten Armen durch eine öde Wüstenlandschaft. „Man denkt erst einmal an einen wandelnden Zombie“, sagt Willner. Von den Griechen, die Troja belagerten, habe Homer einen als besonders hässlich beschrieben: „Und das ist er, Thersites, der hässlichste Grieche vor Troja.“ Ein Schüler des Hammelburger Gymnasiums könnte die Zeichnung hinterlassen haben, spekuliert Willner. „Auch das ist eine Form der Auseinandersetzung mit dem Inhalt.“

