Würzburg (POW) Die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten steht angesichts des weltweiten Rechtsrucks vor neuen Herausforderungen. Wie lässt sich Erinnerung lebendig halten und ihrer Relativierung begegnen? Bei einer Veranstaltung der Domschule Würzburg in Zusammenarbeit mit dem DFG Forschungsprojekt Verwundbarkeiten, dem Theologischen Forschungskolleg der Universität Erfurt und der Ruhr Universität Bochum, spricht am Mittwoch, 30. September, von 19 bis 20.30 Uhr im Würzburger Burkardushaus dazu Professor Dr. Jens-Christian Wagner, Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Im folgenden Interview fordert er eine wissenschaftlich fundierte Erinnerungskultur, die aus der Geschichte heraus demokratische Urteilskraft stärkt, und warnt vor Geschichtsrevisionismus, Desinformation und der Normalisierung rechtsextremen Denkens.
POW: Sie sind Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Was macht in Ihren Augen eine gute Erinnerungskultur aus?
Professor Dr. Jens-Christian Wagner: Unsere Aufgabe ist es, ein reflexives Geschichtsbewusstsein und historische Urteilskraft in der Gesellschaft zu stärken. Das ist etwas anderes als zu „erinnern“ und nur um die Opfer zu trauern. Wenn wir aus der Geschichte etwas lernen wollen, müssen wir danach fragen, wer die Menschen zu Opfern gemacht hat und warum er das gemacht hat. Und das heißt an erster Stelle, in gesellschaftsgeschichtlicher Perspektive danach zu fragen, wie die deutsche Gesellschaft im Nationalsozialismus, die ja radikal rassistisch und antisemitisch formiert war, überhaupt funktionierte. Es heißt, nach den Wechselwirkungen zwischen den Integrationsangeboten an die Mehrheitsgesellschaft auf der einen Seite und der Ausgrenzung, Verfolgung und dem Mord an Minderheiten auf der anderen Seite zu fragen. Es heißt, danach zu fragen, welche Rolle Verheißungen der Ungleichwertigkeit, Kriminalisierungsdiskurse gegenüber Minderheiten und Ideologien der Ungleichwertigkeit spielten. Das müssen wir quellengestützt und wissenschaftlich basiert aus der Geschichte herausarbeiten und dann in einem zweiten Schritt fragen, welche Rolle diese Faktoren heute spielen. Das bedeutet, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte immer auch eine Gegenwartsrelevanz hat, das aber nicht im affirmativen Sinn, sondern indem die Fragen an die Geschichte uns als Gesellschaft bei der demokratischen Selbstverständigung helfen: Was ist der Wert von Menschenrechten und Demokratie? Wie stellen wir sicher, dass die Würde des Menschen tatsächlich unantastbar ist?
POW: Parteien mit deutlich populistischen und antisemitischen Strömungen haben bei den jüngsten Landtagswahlen enorme Gewinne verzeichnet. Wie beeinflusst das die Erinnerungskultur in Deutschland?
Wagner: Wir erleben seit einigen Jahren nicht nur einen massiven Rechtsruck, und das weltweit, sondern auch einen erinnerungskulturellen Klimawandel. Insbesondere von der AfD und anderen extrem rechten Kräften werden notorisch geschichtsrevisionistische und holocaustverharmlosende Positionen verbreitet. Dahinter steckt System: Wenn Rechtsextreme in Deutschland erfolgreich sein wollen, müssen sie versuchen, sich von den nationalsozialistischen Verbrechen zu befreien, die rechtsextremes Denken und Handeln historisch belasten. Das macht man, indem man den Nationalsozialismus wie Alexander Gauland als „Vogelschiss“ in einer ansonsten ruhmreichen deutschen Geschichte bezeichnet, indem man Schuldumkehr betreibt und die Alliierten als die eigentlichen Kriegsverbrecher bezeichnet, oder indem man wie unlängst Alice Weidel gegen jede Evidenz behauptet, die Nationalsozialisten seien eigentlich Linke gewesen, womit man sich selbst von der Belastung durch die NS-Verbrechen befreit und sie zugleich dem politischen Gegner in die Schuhe schiebt. Das ist alles völlig grotesk, aber es trifft leider bei vielen Menschen auf fruchtbaren Boden, wozu nicht zuletzt auch Social Media beitragen. Wir leben leider in Teilen in einer postfaktischen Informationsgesellschaft, und das führt auch dazu, dass sich Fake History immer mehr ausbreitet. Die Leidtragenden sind nicht nur die Opfer der NS-Verbrechen, deren Würde mit Füßen getreten wird, sondern wir alle, denn die Demokratie wird damit systematisch ausgehöhlt.
POW: Was bereitet Ihnen daran konkret Sorge und welche politischen und gesellschaftlichen Reaktionen sind aus Ihrer Sicht erforderlich?
Wagner: Die konkreten Auswirkungen erleben wir in den Gedenkstätten nahezu täglich: Gedenktafeln werden mit Hakenkreuzen beschmiert, junge Menschen posieren mit White-Power-Zeichen vor den Verbrennungsöfen, in Schulklassen bemerken wir eine deutliche Abwehrhaltung gegenüber der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, und ständig werden wir mit geschichtsrevisionistischen Positionen konfrontiert. In Sachsen-Anhalt wird demnächst erstmals seit der Befreiung vom Nationalsozialismus eine rechtsextreme Regierung ins Amt kommen. Die AfD hat in ihrem Wahlprogramm angekündigt, was das bedeuten würde: Die Landeszentrale für politische Bildung, die unter anderem Gedenkstättenfahrten finanziell bezuschusst, wird abgeschafft. In der Kulturförderung soll die „deutsche Kunst“ im Mittelpunkt stehen, im Geschichtsunterricht soll die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus durch deutsche Heldengeschichten von Otto I. über Luther und Bismarck bis zu Nietzsche ersetzt werden. Das Bauhaus soll aus Sachsen-Anhalt vertrieben werden, und Vereine sollen nur noch Förderungen erhalten, wenn sie ein Bekenntnis zum Patriotismus ablegen. Gedenkstätten wird damit die Existenzgrundlage entzogen.
POW: Wie werden Sie darauf reagieren?
Wagner: Zunächst einmal ist es wichtig, Solidarität mit allen zu zeigen, die die AfD aus Deutschland vertreiben möchte. Wir müssen die Gefahren, die drohen, offensiv benennen. Schließlich muss die historisch-politische Bildung noch stärker in die Gesellschaft hineinwirken. Das heißt auch dort stärker präsent zu sein, wo heutzutage Wissensaneignung und Meinungsbildung vor allem stattfindet: im digitalen Raum. Der grassierenden Desinformation müssen wir fachlich fundierte, seriöse Information entgegensetzen. Und am wichtigsten ist: Wir alle sind aufgefordert, uns zu engagieren, in demokratischen Parteien, in der Zivilgesellschaft, aber auch im ganz persönlichen Umfeld. Wir dürfen nicht schweigen, wenn jemand im Bus oder in der Kneipe rassistische oder antisemitische Parolen verbreitet, sondern wir müssen widersprechen, Zivilcourage zeigen. Der Normalisierung rechtsextremen Denkens müssen wir ein mutiges, engagiertes Eintreten für die liberale Demokratie und die offene Gesellschaft entgegensetzen.
